11.05.2018 Ritterhude/London Von: Jörg Monsees

"Ich hoffe, es gibt eine Zukunft"

Interview mit Gitarrist und Sänger der Band Status Quo

Ritterhude/London. Am 11. August kommen Status Quo zur Torfnacht nach Ritterhude. Im Interview mit dem ANZEIGER spricht Gitarrist und Sänger Francis Rossi über das neue Album, die Sommertour durch Europa und die Luxus-Probleme, die man nach über 50 Jahren im Musikgeschäft hat.

Francis Rossi: [Ebenso pünktlich, wie das Telefon um 17 Uhr klingelt, nimmt Rossi nach wenigen Sekunden singend den Hörer ab] Good morning, good morning...

ANZEIGER: Hallo Mr. Rossi!

Oh, was für ein schönes Echo!

Wie bitte?

Ich kann meine eigene Stimme hören, es hört sich an wie in einer großen Halle.

Oh, das tut mir Leid, ich muss den Lautsprecher benutzen, weil...

Das ist kein Problem, ich mache nur dumme Sprüche. Ich bin Engländer, ich kann nichts dafür!

Alles klar, wie geht es Ihnen? Machen Sie den ganzen Tag Interviews?

Es geht mir gut! Nein, heute nicht, ich war vor dem Interview gerade im Studio und habe ein paar Sachen gemacht.

Sie haben schon letztes Jahr darüber gesprochen, ein neues Status Quo Album aufzunehmen, steht das inzwischen fest?

Ich wollte ursprünglich keins machen, weil es nur Probleme bringt. Manche Leute meinen, ich sollte kein Album ohne Rick [Parfitt, der 2016 verstarb - Anm. d. Red.] aufnehmen, andere meinen, ich sollte es nicht ohne die alte Band machen. Ich hab‘ gesagt, ich versuch‘s. Ob es den Hardcore-Fans gefallen wird, weiß ich nicht, schließlich sind die Leute, die sie hören wollen, nicht dabei. Ich bin das letzte Gründungsmitglied, in dieser Hinsicht fehlen also mindestens vier Elemente, egal was passiert. Wir machen trotzdem ein Album. Ich finde, wir sollten John Edwards und Andrew Bown [Bass und Keyboard] Respekt zollen, die schon lange in der Band sind - länger als die Gründungsmitglieder. Wir sollten Leon Cave [Schlagzeug seit 2013] respektieren, der in die Band kam und viel bewirkt hat. Und wir sollten Richie Malone [Gitarre seit 2016] beachten, Rick hat ihn ausgesucht, um seinen Posten zu übernehmen. Ja, wir machen ein Album, genau damit war ich gerade beschäftigt, bevor ich ans Telefon ging.

Schreiben Sie aktuell noch Songs oder nehmen Sie schon Material auf?

Richie schreibt gerade etwas, das ist sehr interessant. Ich habe noch zwei Songs, die ich mit Andrew fertig machen muss, einen mit John. Meine Songs mit Bob Young [arbeitet seit 1969 an Status Quo Songs mit] sind so weit fertig. Wir könnten noch viel mehr machen aber ich versuche da eine Balance reinzukriegen. Ich könnte das ganze Album mit meinen Songs vollpacken aber ich möchte, dass alle zufrieden sind. Ich bin mir nicht sicher, ob das der richtige Ansatz ist aber ich versuche es dennoch. Gegen Ende des Jahres werde ich wissen, wann es rauskommt - wir müssen erstmal schauen, ob es wirklich gut genug ist. Aber es wäre Selbstmord, das Geld für ein Album auszugeben, das nicht erscheint - daher nehme ich an, es wird veröffentlicht [lacht]. Wir brauchen ein Album für die Promotion, damit die Leute wissen, dass wir auf Tour sind und kommen, um uns zu sehen.

Im August spielen Sie in Ritterhude...

Wo?!

Ritterhude, Sie wissen vermutlich nicht, wo das ist.

Klingt herrlich. Wir sind immer gerne in Deutschland - viele Leute meinen, das klingt aufgesetzt, aber es stimmt. Ich war auf der Rock Meets Classic Tour dort, bin gerade erst zurückgekommen.

Danach wollte ich fragen. Rock Meets Classic ist gerade erst vorbei, und in zwei Wochen startet die Status Quo Sommertour. Hatten Sie überhaupt frei oder ging es gleich mit den Proben weiter?

Nein, wir fangen am - welcher Tag ist heute? - wir fangen am kommenden Montag an, zu proben. Rock Meets Classic wollte ich eigentlich gar nicht machen aber es hat Spaß gemacht, ich würd‘s gern nochmal machen. Wir haben immer sechs Shows am Stück gespielt und ich habe gemerkt, dass mir dieser Rhythmus und die Routine wirklich gefallen. Alles läuft nach einem Zeitplan. Das ist im Rock ‚n‘ Roll Geschäft zur Norm geworden, was eigentlich ein Widerspruch ist. Ich merke, dass ich alt geworden bin [lacht].

Eric Bazilian von den Hooters war auch auf der Rock Meets Classic Tour. Das ist ein witziger Zufall, er hat nämlich schon mehrmals in Ritterhude gespielt und kommt auch im Juli wieder.

Ja, er sagte, dass sie unterwegs sind. Wir sind uns oft über den Weg gelaufen und verstehen uns gut, ich mag die Band.

Ritterhude kennen Sie zwar nicht, aber Bremen sagt Ihnen sicherlich etwas. Von 1968 bis 1970 waren sie mehrmals in der deutschen Fernsehsendung Beat Club...

Oh ja, Beat Club, Mike Leckebusch!

Ja, Sie kennen ihn. Die Folgen wurden in Bremen gedreht, erinnern Sie sich daran?

Ja, ich erinnere mich. Ich habe mich mit Peter Green von Fleetwood Mac unterhalten und wir konnten Danny Kirwan [ebenfalls Fleetwod Mac] nicht finden. Ich habe ihn dann auf der Toilette gefunden - mit dem Kopf über der Schüssel, er war betrunken [lacht]. Ja, ich habe ein gutes Gedächtnis.

Mike Leckebusch hatte viele Jahre später auch noch ein Studio in der Nähe von Bremen, in Garlstedt, waren Sie mal dort?

Ich bin mir nicht sicher, könnte sein. Auf jeden Fall haben wir immer gerne mit ihm zusammengearbeitet, er war sehr einflussreich und beliebt.

Auf der Status Quo Tour liegen die Termine etwas weiter auseinander, werden Sie trotzdem den ganzen Sommer unterwegs sein oder geht es zwischendurch zurück nach London?

Nein, würden wir gerne, aber es ist der ruhigste Sommer seit Langem. In den letzten zehn Jahren sind wir an unseren freien Tagen oft in Ulm untergekommen aber das machen wir in diesem Jahr nicht, weil es einfach unwirtschaftlich wäre. Das ist die Sache mit dem Showgeschäft heutzutage - es dreht sich viel ums Budget. In den 70ern hat das niemanden interessiert, heute wird jeder Penny gezählt.

Wie stellt man ein Konzertprogramm zusammen, wenn man so einen riesigen Backkatalog hat? Wird es im Sommer irgendwelche Überraschungen für langjährige Fans geben?

Das bezweifle ich. Wir spielen vielleicht „Big Fat Mama“, „Backwater“ und „Mystery Song“. Den Sommer über haben wir ein gemischtes Publikum, das sind nicht nur Hardcore-Fans. Wenn wir dann unbekanntere Songs für die „echten“ Fans spielen, fragt sich der Rest der Menge: „Was zur Hölle ist hier los, wer ist diese Band?!“ Ein Großteil des Publikums will einfach die Hits hören. Wir verstehen auch die Hardcore-Fans, die „Rockin‘ All Over The World“, „In The Army Now“, „Whatever You Want“ und all diese Songs nicht mehr hören können. Aber es ist schwierig für uns, das Programm zu ändern, dann bekommen wir sehr zögerliche Reaktionen aus dem Publikum. Wir waren eben recht erfolgreich und hatten viele Singles, das ist ein Problem, das sich andere Bands wünschen.

Wie geht es mit Status Quo nach dem Album weiter, wie sieht die Zukunft aus?

Ich hoffe, es gibt eine Zukunft. Als Rick starb, ist uns allen bewusst geworden „Verdammt, wir könnten tatsächlich sterben!“ Die meiste Zeit bin ich total unbeschwert aber es gibt Momente, da denke ich „Scheiße, du bist fast 70!“ Mein Vater starb mit 75, meine Mutter auch. Ich hoffe, ich lebe länger als die beiden. Oh, Mann...

Aber Sie sind offenbar gut in Form, wenn Sie es schaffen, all diese Shows zu spielen.

Ja, ich bin sehr gut in Form. Ich schwimme jeden Tag 50 bis 60 Bahnen. Ich habe noch ein zweites Interview, dann arbeite ich mit meinem Trainer über Facebook. Das ist auch so eine Sache - ich kann sogar auf Tour mit meinem Trainer weitermachen. Das Internet und die ganze Technologie haben sicherlich schlechte Seiten an sich, aber auch gute. Wie alles im Leben - es gibt positive und negative Aspekte.

Ich glaube, wir haben es geschafft. Das ist alles, was ich wissen wollte, vielen Dank. Ich hoffe, ich kann das Konzert in Ritterhude sehen.

Das wäre schön. Wenn nicht, muss ich es trotzdem spielen [lacht]. Ich danke Ihnen fürs Zuhören, bye bye!

Das Gespräch führte Jörg Monsees. Karten für die Ritterhuder Torfnacht mit Status Quo am 11. August gibt es unter anderem beim Osterholzer Anzeiger in der Bahnhofstraße 58 in Osterholz-Scharmbeck und an allen bekannten Vorverkaufsstellen.